Unser Beitrag und unsere Erwartungen für den Standort Vorarlberg

Lustenau, 20.9.2019 - Anfang Juli 2019 hat der Vorstand der Industriellenvereinigung (IV) Vorarlberg, der aus 30 Spitzenvertretern der heimischen Industrie mit über 23.000 Beschäftigten besteht, das neue Präsidium für die IV-Funktionsperiode von 2019-2023 einstimmig gewählt. Als Präsident wurde Martin Ohneberg bestätigt. Als Vizepräsidenten wurden Hubert Rhomberg, Heinz Senger-Weiss und mit Christine Schwarz-Fuchs erstmals seit Gründung der IV-Vorarlberg im Jahr 1946 eine Frau gewählt.

v.l.n.r. Vizepräsident Hubert Rhomberg, Präsident Martin Ohneberg, Vizepräsidentin Christine Schwarz-Fuchs und Vizepräsident Heinz Senger-Weiss.

Das neue IV-Präsidium setzt sich zum Ziel gemeinsam den erfolgreichen Weg als parteiunabhängige und freiwillige Interessenvertretung der Industrie und eng verbundenen Unternehmen weiterzugehen. Unter dem Titel „Unser Beitrag und unsere Erwartungen für den Standort Vorarlberg“ werden die gemeinsam erarbeiteten Arbeitsschwerpunkte für die Funktionsperiode 2019-2023 vorgestellt. Dazu wurde eigens eine repräsentative Umfrage zum Image der Vorarlberger Industrie in Auftrag gegeben.

Präsident Martin Ohneberg: „Mit der Industrie und dem Big Picture in eine bessere Zukunft für Alle“

IV-Vorarlberg Präsident Martin Ohneberg hat zu Beginn des Jahres 2019 beim Neujahrsempfang das „Jahr der Entscheidungen“ ausgerufen. Damals war noch nicht absehbar, dass neben den Landtagswahlen in Vorarlberg auch vorgezogene Nationalratswahlen auf Bundesebene stattfinden und sich die Themenlandschaft rasant verändert.

Roter Faden und „Big Picture“ konsequent fortsetzen
Martin Ohneberg hält den politischen Entscheidungsträgern auf Landes- und Bundesebene in den auslaufenden politischen Legislaturperioden zu Gute, dass der Standort Vorarlberg heute solide dasteht und auch einige dringende Themen angegangen wurden. Auf Landesebene ist das neu gewählte Präsidium überzeugt, dass der rote Faden aus der Industriestrategie „Vom Mittelmaß zur Exzellenz (2016), aus „Vorarlbergs urbaner Weg“ (2017) und dem zusammenfassenden „Big Picture Vorarlberg“ (2019) konsequent weitergeführt werden muss, da noch einige mutige Entscheidungen anstehen.

Ohneberg: „Viele der aufgezeigten Projekte und Maßnahmen aus dem Big Picture sind angestoßen und in Umsetzung gebracht. Wir diskutieren heute über eine überörtliche Raumplanung, die Überarbeitung der Landesgrünzone, das Raumbild 2030 und ein Mobilitätskonzept wurden beschlossen, es gibt Verhandlungen mit der HSG zu einer echten Hochschulkooperation, die Marke Vorarlberg soll nach den Wahlen Kräfte bündeln und zu strahlen beginnen, ein Innovationszentrum ist als Leuchtturm in Dornbirn geplant, die Plattform V ist Realität und einige Bildungsinitiativen wurden gesetzt. Das hilft nicht nur dem Industriestandort, sondern kommt allen in Vorarlberg zugute. Unser dringender Appell bleibt es, jene aufgezeigten Lösungsansätze, die noch nicht umgesetzt wurden, im Gesamtinteresse des Standorts mutig zu treffen und umzusetzen.“

Beitrag der Industrie für Vorarlberg wird unterschätzt
Bei einer – von der IV-Vorarlberg beauftragten und von IMAD durchgeführten – Umfrage zu industrierelevanten und auch industriekritischen Themen, ergaben sich Erkenntnisse, die für das IV-Präsidiums eine Ergänzung und auch in einigen Punkten einen Perspektivenwechsel zur Unterstützung der Themen am Standort begründen. Befragt wurden Anfang September 500 Personen in Vorarlberg ab 16 Jahren durch telefonische oder persönliche Interviews:

Erfreulich ist für IV-Präsident Ohneberg, dass der Beitrag der Industrie für qualitätsvolle Lehrberufe und generell zu attraktiven Arbeitsplätzen von der Bevölkerung sehr deutlich gesehen werde. Allerdings werde der Beitrag der Industrie für das Gemeinwohl Vorarlbergs stark unterschätzt. Wenn 50 Prozent der Bevölkerung die Vorarlberger Industrie mit hohen Einkommen, bester Bildung, sozialer Verantwortung oder umweltfreundlicher Produktion in Verbindung bringen, ist das grundsätzlich positiv. Aber jene die keine Meinung haben oder es anders sehen, erklären den merklichen Widerstand in manchen Projekten: „Wir müssen die Leistungen der Industrie noch viel transparenter machen, noch mehr in die breite Bevölkerung transportieren – wir müssen die Industrie in die Herzen der Menschen bringen. Die Vorarlberger Industrie steht nicht nur für jeden dritten Arbeitsplatz, für über 40 Prozent der Wertschöpfung, für Export und einen starken Branchenmix. Die Industrie steht ebenso für hohe Einkommen, gute Ausbildung, beste Karrieremöglichkeiten, hohe soziale Verantwortung, eine mutige Standortpolitik im Gesamtinteresse des Landes und eine möglichst umweltfreundliche Produktion im Zusammenspiel von Wirtschaft und Natur. Die Ergebnisse der Umfrage sind für uns als Interessenvertretung ein klarer Auftrag, den Beitrag der Industrie und der Unternehmen noch stärker aufzuzeigen. Nach dem Motto: Tue Gutes und sprich darüber.“

Vizepräsident Hubert Rhomberg: „Gemeinsam wissen und können wir mehr“

Vorarlberg hat das Potential zum Vorreiterland
Vor diesem Hintergrund habe sich das IV-Präsidium entschlossen. die bisherige Positionierung auf Landesebene um aktuelle, dominierende Themen zu ergänzen und diese im Land gemeinsam mit möglichst vielen Partnern voranzutreiben. IV-Vizepräsident Hubert Rhomberg: „Wir haben fünf relevante – über Vorarlberg weit hinausgehende – Trends identifiziert, zu der wir uns als Region gemeinsam positionieren möchten. Wenn der gute Wille von allen Seiten vorhanden ist, können wir eine wirkliche Vorreiterrolle übernehmen.“

Bei den fünf identifizierten Trends handelt es sich:

  1. Um die Rolle der öffentlichen Hand, die sich vor innovativen, unorthodoxen Herangehensweisen nicht scheuen darf und für ihren Service am Bürger und den Unternehmen noch mehr auf digitale Möglichkeiten und Transparenz setzen muss.
  2. Um eine neue Wissenskultur, bei der sich die Unternehmen noch mehr öffnen, ihr Wissen teilen und gemeinsam zum Wohl des Standorts und der Menschen profitieren.
  3. Um gesellschaftspolitische Themen, bei der Vorarlberg in Punkto qualifizierte Zuwanderung, Anziehung von Talenten, sozialer Innovation und moderne Geschlechterrollen noch Potential hat.
  4. Um die Frage der Nachhaltigkeit, bei der die Wirtschaft und die Industrie mit neuen Technologien Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sind. Das gilt beispielsweise in Sachen Mobilität.
  5. Um die Chancen von Regionalisierung und Globalisierung, die beide in Vorarlberg ihren Platz haben müssen und nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.

Plattform V für unternehmensübergreifende und soziale Innovationen
In Punkto Wissenskultur sei es gelungen mit der Kooperations- und Umsetzungsplattform „Plattform V“ bei vielen Betrieben eine offenere Innovationskultur zu schaffen. Ziel der Plattform ist es, das vorhandene Wissen systematisch zu teilen und neue Geschäftsmodelle zu erarbeiten. 35 Unternehmen haben sich bereits auf diesen gemeinsamen Weg gemacht.

Für IV-Vizepräsident Hubert Rhomberg ist dies aber erst der Anfang: „Wo, wenn nicht in Vorarlberg, sollen die Kräfte noch mehr gebündelt werden? Damit können nicht nur unternehmensübergreifende Innovationen, sondern auch gesellschaftliche Innovationen vorangetrieben werden – zum Nutzen aller. Niemand weiß so viel wie unterschiedliche Unternehmen, Mitarbeiter und die Gesellschaft zusammen. Ich bin überzeugt, mit den gestrigen Methoden wird man in Zukunft nicht mehr nachhaltig erfolgreich sein. Das gilt auch für den Standort Vorarlberg.“

Vizepräsidentin Christine Schwarz-Fuchs: „Fachkräfte braucht das Land“

Bezüglich dem schon heute bestehenden Fachkräftemangel und der weiterhin großen Nachfrage in den Unternehmen nach Fachkräften sieht IV-Vizepräsidentin Christine Schwarz-Fuchs der Realität ins Auge und spricht es unverblümt an: „Wenn wir heute im Durchschnitt nur mehr 1,5 Kinder pro Familie haben, die Lebenserwartung weiter zunimmt und wir nichts an unseren Systemen auf Landes- und Bundesebene ändern, dann ist es vorprogrammiert, dass wir zukünftig einen noch viel eklatanteren Fachkräftemangel haben. Laut einer Umfrage unter deutschen Unternehmen sehen 60 Prozent der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als größtes Geschäftsrisiko und nicht viel anders sieht es in Vorarlberg aus. Es braucht daher neue Strategien, um möglichst viele neue Fachkräfte in den Beschäftigungsprozess zu integrieren“. Der aktuelle und künftige Fachkräftemangel sei dabei nicht nur eine Riesenherausforderung für die Unternehmen, sondern für die gesamte Gesellschaft und das gesamte Sozialsystems, denn der öffentlichen Hand entgehen wichtige Steuereinnahmen. Neben den vielen begrüßenswerten Initiativen in Vorarlberg empfiehlt es sich daher eine Doppelstrategie zu fahren:

  1. Bessere Rahmenbedingungen für am Standort vorhandene Arbeitskräfte – insbesondere für Frauen

Ein Fokus sollte darauf gerichtet werden, insbesondere gut ausgebildete Frauen stärker in die Arbeitswelt einzubinden. Es gibt viele Frauen, die Teilzeit arbeiten oder auch solche, die keiner klassischen Berufstätigkeit nachgehen. In Österreich arbeiten 48 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, in Vorarlberg sind es sogar 51 Prozent. Im EU-Schnitt sind es gerade 32 Prozent. Wäre Vorarlberg bei der Teilzeitbeschäftigung von Frauen im EU-Schnitt, hätten zusätzlich mehr als 16.000 erwerbstätige Frauen eine Vollzeitanstellung und damit die Möglichkeit auf ein höheres Einkommen. Hier bedarf es einer Verbesserung der notwendigen Rahmenbedingungen, um die Attraktivität einer Vollzeitanstellung zu erhöhen und dadurch das vorhandenen Potential an Fachkräften bestmöglich auszuschöpfen: „Selbstverständlich soll jede Frau, jeder Mann und jede Familie für sich entscheiden, ob und in welchem Ausmaß sie einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten und wie sie die Kindererziehung gestalten. Doch entscheidend ist, dass sie die Möglichkeiten dazu haben und die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gegeben sind. Neben einer Stärkung der frühkindlichen Förderung würde dies auch zur Reduzierung der Altersarmut insbesondere bei Frauen beitragen.“

Vor diesem Hintergrund haben Interessenvertretungen (IV, WKV), Unternehmer, Personalchefs, Betriebsräte und Mitarbeiter eine gemeinsame, fundierte Position unter dem Titel „Vom Mittelmaß zur Exzellenz bei der Kinderbetreuung in Vorarlberg“ entwickelt.

Mit dem Fokus einer Qualitätsverbesserung aus Sicht der Kinder wird sich die IV-Vorarlberg mit den Partnern weiterhin insbesondere für einen Ausbau der Betreuungsplätze (Motto: „Angebot schafft Nachfrage“), eine Ausweitung der Öffnungszeiten, eine Reduktion der Schließtage, eine Optimierung der Zuständigkeiten und eine generelle Sensibilisierung einsetzen.

  1. Eine Qualifizierte Zuwanderung und Anziehung von Talenten ermöglichen

Daneben wird es aber auch in Zukunft unumgänglich sein, für Fachkräfte von außen möglichst attraktiv zu sein. Schwarz-Fuchs: „Qualifizierte Zuwanderer nehmen keine Jobs weg, sondern helfen diese in Vorarlberg zu halten. Vorarlberg sollte daher ein attraktives Einwanderungsland für gut qualifizierte Menschen sein. Wir brauchen eine Attraktivitätssteigerung im Wettbewerb um die globalen Talente.“ Mit der ‚Marke Vorarlberg‘ wurde eine tolle Vorarbeit geleistet, nun geht es darum diese Marke mit Leben zu befüllen und Vorarlberg tatsächlich in Richtung „2035 – chancenreichster Lebensraum für Kinder“ zu gestalten.

Vizepräsident Heinz Senger-Weiss: Es geht nur mit einem Großteil der Bevölkerung

Überzeugungsarbeit für eine wirtschaftsfreundliche Stimme wichtiger denn je
Bei der beauftragten Umfrage wurde auch die Frage nach der persönlichen Einstellung zum Thema Wirtschaftswachstum gestellt. Etwas weniger als zwei Drittel der Befragten stimmen der Aussage eher zu, dass „Wirtschaftswachstum notwendig ist“. Über ein Drittel ist der Meinung, dass „es auch einmal genug sein muss“.

Für IV-Vizepräsident Heinz Senger-Weiss ist insbesondere die Analyse der unterschiedlichen Altersgruppen bemerkenswert. Während die ältere Generation eher wirtschaftsfreundlich eingestellt ist (76 Prozent), ist insbesondere die jüngere Generation mehr und mehr kritisch (49 Prozent): „Die ältere Generation hat bereits schwierigere wirtschaftliche Zeiten erlebt und kennt im Gegensatz zur jüngeren Generation die negativen Auswirkungen auf das persönliche Einkommen und die Gesellschaft. Aber unabhängig davon, müssen wir uns mit der Situation zurechtfinden, dass ein Viertel bis ein Drittel der Wirtschaft gegenüber kritisch eingestellt ist. Daher gilt es Überzeugungsarbeit zu leisten, die Bevölkerung aufzuklären und Vorurteile aufzulösen.

Gerade bei wichtigen Infrastrukturprojekten müsse die Bevölkerung von Beginn an ordentlich eingebunden und umfassend aufgeklärt werden: „Wir sind uns oftmals einig darüber ‚Was‘ im Land zu tun wäre, aber wir scheitern oft am ‚Wie‘. Gerade beim ‚Wie‘ gilt es mutiger zu sein und frühzeitig proaktiv zu agieren. Ehrliche und sachliche Beteiligungsprozesse sehen wir generell positiv, wenn sie aufklären und alle Seiten beleuchten. Am Ende des Prozesses muss dann im Gesamtinteresse Vorarlbergs auch eine klare politische Entscheidung getroffen werden, die breit getragen aber nicht notwendigerweise einstimmig ist.“

Wirtschaft und Industrie in die Herzen der Menschen
Die IV-Vorarlberg sieht vor all den angesprochenen Hintergründen künftig vermehrt die Notwendigkeit die Nutzenperspektive zu ändern. Das heißt standortrelevante Themen auch aus Sicht der Mitarbeiter und der Bevölkerung zu erklären. Daher der klare zusammenfassende Appell von IV-Vizepräsident Heinz Senger-Weiss: „Es geht nur gemeinsam. Es geht nur mit guten Absichten. Und es geht nur, wenn ein Großteil der Bevölkerung mit im Boot ist. Wir werden uns daher noch offensiver darum bemühen, den Beitrag und die Leistung der Wirtschaft und der Industrie zu verdeutlichen. Wir müssen die Wirtschaft und die Industrie in die Herzen der Menschen bringen.

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