Kommentar von IV-Geschäftsführer Simon Kampl
Es gibt Debatten, bei denen man sich weniger über die Forderung wundert als über den Zeitpunkt.
Österreich kämpft mit hohen Arbeits- und Energiekosten. Industriearbeitsplätze stehen unter Druck, Investitionen werden verschoben oder anderswo getätigt, und die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts hat in den vergangenen Jahren deutlich gelitten. Das Staatsdefizit lag 2025 bei 4,2 Prozent des BIP. Die Lohnstückkosten sind seit 2021 um rund 24 Prozent gestiegen – laut OECD einer der stärksten Anstiege innerhalb der EU.
Und mitten in dieser Situation lautet die Forderung des Interregionalen Gewerkschaftsrates Bodensee: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.
Da bleibt man angesichts so viel Realitätsverweigerung fast sprachlos zurück.
Die Rechnung verschwindet nicht
Der Wunsch nach mehr Freizeit ist nachvollziehbar. Nur hat die Ökonomie die unangenehme Eigenschaft, dass Rechnungen auch dann bezahlt werden müssen, wenn man politisch nicht gerne darüber spricht. Wer weniger arbeiten und gleichzeitig gleich viel verdienen möchte, muss deshalb eine einfache Frage beantworten: Wer bezahlt die fehlenden Stunden? Am Ende gibt es nicht viele Möglichkeiten. Entweder trägt das Unternehmen die höheren Kosten, sie werden über höhere Preise an die Kunden weitergegeben oder der Staat gleicht sie über Förderungen und damit über den Steuerzahler aus. Eine vierte Möglichkeit gibt es tatsächlich: Die Produktivität steigt entsprechend stark. Genau darauf verweisen Gewerkschaften gerne. Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz würden es ermöglichen, dieselbe Leistung in weniger Zeit zu erbringen. Grundsätzlich stimmt das. Nur leider nicht automatisch. Technologie schafft zunächst Potenzial. Ob daraus tatsächlich höhere Produktivität entsteht, hängt von Investitionen, Qualifikation, Prozessen und dem jeweiligen Geschäftsmodell ab. Fakt ist zudem, dass die Arbeitsproduktivität in Österreich seit Jahren leider stetig rückläufig ist.
Andere Weltregionen nutzen KI und Automatisierung derzeit vor allem mit einer Frage im Kopf: Wie können wir mehr produzieren, schneller wachsen und wettbewerbsfähiger werden? Wir diskutieren darüber, wie wir damit früher ins Wochenende kommen. Das ist zumindest ein anderer strategischer Ansatz.
Österreich ist alles andere als ein Billigstandort
Schon heute zählen die Arbeitskosten in Österreich zu den höchsten Europas. Eurostat weist für den Euroraum 2025 durchschnittliche Arbeitskosten von 38,2 Euro pro Stunde aus; Österreich liegt deutlich darüber. Noch aussagekräftiger sind die Lohnstückkosten. Sie zeigen vereinfacht gesagt, wie viel Arbeitskosten für eine Einheit wirtschaftlicher Leistung anfallen. Und genau hier haben wir ein Problem. Seit 2021 sind die österreichischen Lohnstückkosten um rund 24 Prozent gestiegen. Die OECD zählt das zu den stärksten Zuwächsen in der EU. Eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei unverändertem Monatslohn würde – sofern die Produktivität nicht im gleichen Ausmaß steigt – genau diese Entwicklung weiter verschärfen: Die einzelne Arbeitsstunde wird teurer. Die Frage unserer Zeit müsste eigentlich lauten, wie wir Arbeit wieder wettbewerbsfähiger machen. Nicht, wie wir sie weiter verteuern.
Produktivität lässt sich nicht verordnen
Natürlich können kürzere Arbeitszeiten in einzelnen Unternehmen funktionieren. Es gibt Betriebe, in denen neue Schichtmodelle, flexible Arbeitszeiten oder eine Vier-Tage-Woche sinnvoll sein können. Aber genau deshalb sollte diese Entscheidung dort getroffen werden, wo man Produktivität, Auftragslage und Personalbedarf kennt:
im Unternehmen. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Was in einem Softwareunternehmen funktioniert, muss nicht in einer Produktionshalle funktionieren. Was in einem Forschungsinstitut möglich ist, lässt sich nicht eins zu eins auf Pflege, Gastronomie, Handwerk, Logistik oder Polizei übertragen. Eine allgemeine gesetzliche Verkürzung behandelt völlig unterschiedliche Branchen so, als hätten sie dieselben Voraussetzungen. Haben sie aber nicht.
Wer macht dann eigentlich die Arbeit?
Dieser Punkt wird in der Diskussion erstaunlich selten zu Ende gedacht. Nehmen wir ein Krankenhaus. Wenn Pflegekräfte künftig weniger Stunden arbeiten, die Versorgung aber gleich bleiben soll, braucht es zusätzliche Pflegekräfte. Bei der Polizei gilt dasselbe. Im Handwerk ebenfalls. In der Industrie auch. Die entscheidende Frage lautet daher: Woher nehmen wir diese Menschen? Wir haben schon heute in vielen Bereichen Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Gleichzeitig altert unsere Gesellschaft. Weniger Erwerbstätige müssen künftig mehr Pensionen, Gesundheitsleistungen und Pflege finanzieren. Die langfristige volkswirtschaftliche Herausforderung lautet deshalb vermutlich eher: Wie schaffen wir mehr Beschäftigung und mehr Arbeitsvolumen? Nicht weniger. Wer eine 32-Stunden-Woche fordert, sollte jedenfalls dazusagen, wer die fehlenden acht Stunden übernimmt.
Und die Krankenstände?
Als weiteres Argument für kürzere Arbeitszeiten werden steigende Krankenstände genannt. Auch hier lohnt sich etwas Vorsicht. Dass Arbeitsbelastung und Krankenstände gleichzeitig steigen können, bedeutet noch nicht automatisch, dass weniger Arbeitszeit die allgemeine Lösung ist. Gesundheit, Altersstruktur, psychische Belastungen, Arbeitsorganisation, gesellschaftliche Veränderungen und viele weitere Faktoren spielen eine Rolle. Die Ursachen sind komplex. Die Therapie des Gewerkschaftsrates Bodensee wirkt dagegen erstaunlich einfach: weniger arbeiten. So angenehm einfache Antworten auch sind – Volkswirtschaften funktionieren selten so.
Teilzeit: Vielleicht liegt das Problem woanders
Auch das Argument, eine generelle Arbeitszeitverkürzung könne die hohe Teilzeitquote reduzieren, überzeugt mich nur begrenzt. Viele Menschen arbeiten nicht deshalb Teilzeit, weil sie grundsätzlich möglichst wenig arbeiten möchten. Entscheidend ist auch, was von zusätzlicher Arbeit netto übrig bleibt. Österreich hat eine sehr hohe Belastung des Faktors Arbeit. Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener lag der sogenannte Steuerkeil 2025 laut OECD bei rund 47 Prozent der gesamten Arbeitskosten. Wer mehr arbeitet, sollte daher auch spürbar mehr davon haben. Wenn zusätzliche Stunden durch Steuern und Abgaben überproportional an Attraktivität verlieren, sollte die Antwort nicht lauten, die Normalarbeitszeit für alle zu verkürzen. Dann sollte man das Steuer- und Abgabensystem reparieren.
Wohlstand ist kein politischer Beschluss
Der Kern der Debatte ist am Ende sehr einfach. Wohlstand entsteht nicht dadurch, dass wir ihn beschließen. Er entsteht durch Produktivität, Innovation, Investitionen und Arbeit. Erst danach kann verteilt werden. Und genau diese Wertschöpfungsbasis steht derzeit unter Druck. Deshalb halte ich eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich wirtschaftspolitisch für den falschen Weg und höchst gefährlich in der aktuellen Situation. Nicht, weil Freizeit etwas Schlechtes wäre. Sondern weil weniger Arbeitszeit bei gleichem Lohn keine kostenlose soziale Errungenschaft ist. Jemand bezahlt immer. Natürlich kann man über kürzere Arbeitszeiten diskutieren. Man kann auf einem sinkenden Schiff auch über kürzere Schichten diskutieren. Ich würde vorher nur kurz schauen, warum Wasser reinkommt.


