IV-Geschäftsführer Kampl: Geschäftsklima-Index nur noch hauchdünn im Plus. Beschäftigungslage sehr unerfreulich, Strom und Gas werden wieder teurer – Senkung der Elektrizitätsabgabe muss verlängert werden
Vier Jahre ohne Aufschwung: Vorarlbergs Industrie kommt nicht vom Fleck

Auch im 3. Quartal 2026 zeigt der Geschäftsklima-Index der Vorarlberger Industrie ein schwaches Bild: Mit +0,10 Punkten verzeichnet der Index einen Rückgang gegenüber dem Vorquartal (+2,40) und bleibt damit nur hauchdünn im Plus. Damit setzt er seine träge Seitwärtsbewegung fort, die bereits seit vier Jahren andauert. Ein Aufwärtstrend ist nicht in Sicht.
„Und wieder geht es mit der Stimmung in unseren Betrieben nach unten“, so Simon Kampl, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Vorarlberg (IV). „Eine anhaltende Krise ohne Perspektive auf einen Aufschwung, ein immer teurerer Standort und weiterhin viel zu viel Bürokratie: Das bringt immer mehr Unternehmen dazu, außerhalb Vorarlbergs zu investieren – und intensiv zu überlegen, wo sie in Zukunft produzieren wollen.“
An der aktuellen Umfrage für das 3. Quartal 2026 haben 28 Vorarlberger Unternehmen mit zusammen über 21.000 Beschäftigten teilgenommen.
Wie ist die aktuelle Lage in den Betrieben?
Nur jeder sechste Betrieb beurteilt seine derzeitige Geschäftslage als gut, mehr als acht von zehn (84 Prozent) bezeichnen sie als schlecht oder maximal durchschnittlich. Bei den Auslandsaufträgen sind es 85 Prozent – 40 Prozent bezeichnen sie als schlecht, der Saldo ist von +9 auf −24 Punkte eingebrochen. Auch die Ertragslage bleibt unter Druck: 91 Prozent der Unternehmen bezeichnen sie als schlecht oder maximal durchschnittlich, nur 9 Prozent als gut. Den Auftragsbestand bezeichnen 69 Prozent als durchschnittlich, 17 Prozent als gut und 14 Prozent als schlecht. Ein klares Zeichen: Bei drei dieser vier Indikatoren hat sich der Saldo gegenüber dem Vorquartal verschlechtert.
Welche Erwartungen gibt es für die nähere Zukunft?
Die Erwartungen für die kommenden Monate sind etwas weniger düster als im Sommer – von Zuversicht kann aber keine Rede sein. Bei Produktionstätigkeit und Auslastung der Kapazitäten in drei Monaten hat sich der Saldo von −30 bzw. −33 auf jeweils +10 Punkte verbessert. Allerdings rechnen nur 18 Prozent mit einem Plus, fast drei Viertel (73 Prozent) mit einem gleichbleibenden Niveau. Für die kommenden sechs Monate erwarten 91 Prozent der Unternehmen keine Verbesserung ihrer Geschäftslage, bei der Ertragssituation sind es 89 Prozent. Aus Sicht der IV spiegeln sich darin hohe Kosten, eine schwache Nachfrage und die wachsende Unsicherheit auf den internationalen Märkten.
Was bedeutet das für die Beschäftigten?
Beim Beschäftigtenstand in drei Monaten hat sich die Stimmung gegenüber dem Vorquartal weiter eingetrübt (Saldo von −14 auf −15 Punkte): 85 Prozent der Unternehmen wollen die Zahl ihrer Beschäftigten halten, 15 Prozent rechnen mit weniger – kein einziges Unternehmen rechnet mit mehr Beschäftigten.
„Unsere exportorientierte Industrie hält sich besser, als es die Rahmenbedingungen erwarten lassen. Aber man darf nicht ausblenden, wie sehr die Weltwirtschaft und die immer härteren Bedingungen in Österreich und auf unseren Exportmärkten die Betriebe belasten“, sagt Simon Kampl, Geschäftsführer der IV-Vorarlberg. „Das zeigt sich leider auch am Arbeitsmarkt im Ländle immer deutlicher.“
Ende Oktober waren beim AMS Vorarlberg 12.009 Personen arbeitslos gemeldet – um 459 oder 4,0 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit steigt die Arbeitslosigkeit in Vorarlberg dreimal so stark wie im Österreich-Schnitt (+1,3 Prozent), die Arbeitslosenquote liegt bei 6,6 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl der offenen Stellen um 8,7 Prozent zurückgegangen. „Ein nüchterner Blick auf diese Zahlen zeigt, dass auch die Beschäftigungslage in der Industrie inzwischen mehr als herausfordernd ist“, so Kampl.
Wie schaut es in den einzelnen Branchen aus?
Beim Flaggschiff der Vorarlberger Industrie, der Maschinen- und Metallindustrie, liegt wie immer das Hauptgewicht der Branchenergebnisse. Der Saldo der aktuellen Geschäftslage hat sich um 4 Punkte auf +23 verbessert. Sehr negativ stechen aber die Auslandsaufträge hervor: 59 Prozent bezeichnen sie als schlecht, 14 Prozent als durchschnittlich und 27 Prozent als gut. Mit −51 Punkten (von +19 auf −32) ist das einer der stärksten Rückgänge in dieser Befragung. Verkaufspreise in drei Monaten sowie Geschäfts- und Ertragslage in einem halben Jahr sehen 99 Prozent unverändert. Der Erwartungssaldo bei der Produktionstätigkeit in drei Monaten hat sich dagegen um 65 Punkte verbessert (von −59 auf +6). Beim Beschäftigtenstand in drei Monaten rechnet niemand mit einem Plus, 14 Prozent mit einem Minus.
In der Nahrungs- und Genussmittelindustrie bezeichnen 53 Prozent ihre derzeitige Geschäftslage und ihren Auftragsbestand als durchschnittlich, 47 Prozent als schlecht. Auslandsaufträge sowie Geschäfts- und Ertragslage in einem halben Jahr sehen alle Befragten durchschnittlich bzw. gleichbleibend. Beim Beschäftigtenstand in drei Monaten erwarten 53 Prozent keine Veränderung und 47 Prozent einen Rückgang.
In Vorarlbergs Textilindustrie hat sich der Saldo der aktuellen Geschäftslage um -40 Punkte verschlechtert, jener der Geschäftslage in sechs Monaten um -59 Punkte. 57 Prozent bezeichnen ihre derzeitige Geschäftslage als durchschnittlich, 43 Prozent als schlecht. Verkaufspreise und Beschäftigtenstand in drei Monaten sowie die Ertragslage in einem halben Jahr sehen alle Befragten unverändert.
Sehr herausfordernd bleibt die Lage in der Elektro- und Elektronikindustrie: 97 Prozent bezeichnen ihre derzeitige Geschäftslage als schlecht, der Saldo ist von −51 auf −97 Punkte gefallen. Erfreulich dagegen: 91 Prozent erwarten steigende Verkaufspreise in drei Monaten und drei Viertel (76 Prozent) eine bessere Geschäfts- und Ertragslage in sechs Monaten. Den Beschäftigtenstand in drei Monaten sehen 97 Prozent unverändert.
Im klassischen Frühindikator für die Wirtschaft, der Verpackungsindustrie, bezeichnen alle Befragten ihre derzeitige Geschäftslage als durchschnittlich und erwarten einen unveränderten Beschäftigtenstand. Die Auslandsaufträge sehen zwei Drittel als durchschnittlich und ein Drittel als schlecht, den Auftragsbestand 83 Prozent als durchschnittlich und 17 Prozent als gut. Bei der Produktionstätigkeit in drei Monaten erwarten 17 Prozent ein Plus, 67 Prozent keine Veränderung und 16 Prozent ein Minus, bei den Verkaufspreisen in drei Monaten 84 Prozent Gleichstand und 16 Prozent einen Rückgang.
Was sagt unsere Industrie?
Die Rückmeldungen der Betriebe enthalten klare Botschaften:
Die neue EU-Verpackungsverordnung wird als „unfertiges und planloses Bürokratiemonster“ erlebt, das der Wirtschaft schadet.
Wachstum ist nur mehr außerhalb Europas möglich. Die USA laufen deutlich besser als Europa, der Nahe Osten und Asien.
Zölle und Krisen drücken auf die Stimmung, selbst dort, wo das Geschäft besser läuft, als es sich anfühlt.
Dazu kommen hohe Lohn- und Energiekosten.
Strom und Gas: Energie wird wieder zum Standortrisiko
Zusätzlich verschärft sich die Lage bei den Energiepreisen. Der europäische Gaspreis (TTF) ist Ende Oktober auf über 100 Euro je Megawattstunde gestiegen – der höchste Wert seit Ende 2022 und mehr als dreimal so viel wie zu Jahresbeginn. Beim Strom liegt der Österreichische Strompreisindex der Energieagentur für Lieferungen im November bei rund 229 Euro je Megawattstunde, um 91 Prozent über dem Vorjahr. Die Konjunkturumfrage lief bis Anfang Oktober – den jüngsten Preissprung bildet sie damit noch gar nicht ab.
„Die Industrie ist aus der letzten Energiekrise nie richtig herausgekommen – und jetzt ziehen Strom- und Gaspreise wieder massiv an. Wer Gas für Prozesswärme braucht oder viel Strom in der Produktion verbraucht, kann das nicht einfach weitergeben. Unsere Kunden sitzen in Deutschland, in der Schweiz und in den USA – die vergleichen Preise, nicht Ausreden“, so IV-Geschäftsführer Simon Kampl.
Gleichzeitig läuft die befristete Senkung der Elektrizitätsabgabe für Unternehmen – 0,82 statt 1,5 Cent je Kilowattstunde – nach derzeitigem Stand mit Jahresende aus. Eine Verlängerung wird zwar diskutiert, beschlossen ist sie nicht.
„Ausgerechnet jetzt, wo Strom und Gas wieder teurer werden, soll die Entlastung bei der Elektrizitätsabgabe auslaufen. Das wäre das falsche Signal zur falschen Zeit. Ein Betrieb mit 20 Gigawattstunden Stromverbrauch im Jahr zahlt dann rund 136.000 Euro mehr – Geld, das bei Investitionen und Arbeitsplätzen fehlt. Die Bundesregierung muss die Senkung über 2026 hinaus verlängern, und zwar jetzt, damit die Betriebe planen können“, fordert Kampl.
Was braucht unsere Industrie?
„Unsere Betriebe brauchen endlich eine Standortpolitik mit Mut zu Reformen statt Stillstand. Wir dürfen uns nicht einbilden, dass sich die Lage bereits deutlich verbessert hätte – die Industrie verliert in ganz Österreich weiterhin Arbeitsplätze, und ohne tiefgreifende Reformen wird sich daran nichts ändern. Wir brauchen auf Bundesebene endlich eine echte Industriestrategie, die den Standort stärkt, Investitionen erleichtert und Innovationen beschleunigt, und ein radikales Entbürokratisierungspaket, das Unternehmen wieder atmen lässt.“
„Auf Landesebene hat Vorarlberg mit der neuen Kompetenzstelle für Verwaltungsvereinfachung einen ersten Schritt gesetzt. Jetzt müssen die Betriebe das auch spüren – in schnelleren Verfahren und weniger Auflagen, nicht erst in ein paar Jahren. Wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit Vorarlbergs sichern wollen, braucht es Mut zur Umsetzung – nicht nur Ankündigungen“, so Simon Kampl abschließend.



